Sonntag, 26. Juni 2016

Rezension: Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann

Hallo liebe Lesedetektive,

erneut muss ich meiner Leidenschaft für Kurzgeschichten nachgeben. Jedoch habe ich diesmal nicht selbst eine geschrieben, sondern rezensiere eine. Viel Spaß beim Schmökern!




Verlag: Reclam
Seitenzahl: 79
Ersterscheinung: 1816

Thalia

















Inhalt

"Der Sandmann" erzählt das Leben von Nathanael, der als kleiner Junge miterleben muss, wie seine Familie grausam auseinandergerissen wird. Dieses tragische Ereignis verknüpft er daraufhin mit dem Ammenmärchen des Sandmannes, der unartigen Kindern die Augen ausreißt.
Bis ins Erwachsenenalter verfolgt ihn diese Vorstellung und als schließlich der wahre Übeltäter des Unglücks damals auftaucht, gerät Nathanael in einen endlosen Strudel aus Wahn, Verzweiflung, Liebe und sich selbst.

Meine Meinung

Da mir keine Inhaltsangabe von anderen Verlägen als dieser Geschichte würdig erschien, habe ich mich eben selbst an die Inhaltsangabe rangesetzt. Ich hoffe, ich verrate damit nicht zu viel :)

Dabei habe ich jedenfalls über die zentralen Themen dieser Geschichte nachgedacht und bin schließlich zu Wahn, Verzweiflung, Liebe und das Selbst gekommen. Doch "Der Sandmann" enthält noch viel mehr.
So könnte die Entwicklung Nathanaels auf psychologische Weise näher beleuchtet werden: vom kleinen Jungen, der einen tragischen Unfall erleben muss und sein Unterbewusstsein versucht, diesen mithilfe eines Märchens zu verarbeiten.
Besonders interessant ist auch das Aufeinanderprallen der romantischen und der aufklärerischen Epoche durch die beiden Charaktere Nathanael und Klara.
Ich könnte ewig so weitermachen, denn was Hoffmann alles in seinem Gehirn versteckt hatte, ist unendlich analysierbar und doch nicht ganz rational erklärbar. Daher aber beschränke ich mich auf den spannendsten Aspekt dieser Kurzgeschichte: den (nicht-?) Wahnsinn Nathanaels.

Dieser hat mich beim Lesen nämlich besonders fasziniert (und gegruselt!). Ich habe ganz bewusst dieses "nicht" in Klammern gesetzt, weil überhaupt nicht klar ist, wer von diesem ganzen Irrenhaufen nun tatsächlich verrückt ist. Bei näherer Betrachtung käme nämlich schlichtweg jeder Charakter, einschließlich des Erzählers selbst infrage. 
Hoffmann erzielt diese überaus verwirrende Konstellation durch geschicktes Wechseln der Erzählperspektiven. Lässt er zu Beginn die Hauptcharaktere als Ich-Erzähler in Briefen miteinander kommunizieren, so schaltet sich schließlich der Erzähler, der die restlichen Seiten als personales Erzähler fungiert, ebenfalls zwischendurch in der Ich-Perspektive ein. Richtig kompliziert wird es dann, wenn der Erzähler anfängt zu fokalisieren. Damit es auch ja nicht zu übersichtlich und verständlich bleibt, werden die Fokalisierungsinstanzen natürlich gerne gewechselt.

Darüber hinaus spielt der Autor gerne mit wiederkehrenden Motiven wie zum Beispiel Augen (Ich sage ja: gruselig). 

Diese durchaus verwirrenden Erzählperspektiven in Kombination mit den abgedrehtesten Motiven sorgen für eine sehr eigenartige Atmosphäre, die wie ein Messer in den Atem schneidet. Es ist das perfekte Setting für einen hausgemachten Wahnsinnigen, wobei bis zum Ende nicht klar ist, ob eine Figur, der Erzähler oder gar der Leser selbst verrückt ist. Vielleicht sind wir ja alle ein bisschen Nathanael.

Fazit

Ihr merkt schon - ich bin äußerst angetan vom "Sandmann". Die Tatsache, dass die Geschichte vom Wahnsinn handelt, der Leser aber bei genauerem Nachdenken darüber sich aber immer nur im Kreis dreht und schließlich selbst glaubt, verrückt zu sein, hat mich ganz einfach umgehauen. Hoffmann zeigt die wahre Kunst von Kurzgeschichten. 
Einen kleinen Abzug gibt es aber leider für das etwas unbefriedigende Ende.

Allerdings würde ich Lesern, die ohnehin Kurzgeschichten nicht allzu gerne haben, dieses Werk nicht ans Herz legen. Versucht es dann lieber mit etwas Softerem für den Anfang :)

P.S.: Auch als Abendlektüre denkbar ungeeignet...

& & & & &
4,5 von 5 Sternen

Euer Buchdetektiv

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